Auf wen warten WIR eigentlich?

von Johannes Seiler

 

Estragon und Wladimir warten auf Godot. Und jeder weiß, dass sie nicht wissen warum und ob überhaupt. Keine gute Ausgangslage. Aber sie bleiben trotzdem am Ball. Klingt das nicht fast wie ein Text von einem start up, das knallhart und unbeirrt auf den Durchbruch wartet. Bis dahin am besten einfach drüber reden, am Ball bleiben und Prinzip Hoffnung favorisieren.

 

Wenn sich JUST im Jahre 2017 nun an   W a r t e n    a u f    G o d o t   von Samuel Beckett heran wagt, so ist JUST e.V.  für viele sicher immer noch nicht im Mainstream angekommen, dafür aber bei einem Brocken gelandet, an dem sich nun schon seit fast siebzig Jahren Regisseure und Schauspieler die Zähne ausbeißen und staunen, wie zeitlos dieses scheinbar absurde Theater doch zu sein scheint.

Man schaue nur einmal bei youtube vorbei und man wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen, wie viele Inszenierungen in den letzten Jahrzehnten da zu bewundern sind.

 

Die JUnge Schauspiel-Truppe aus Bückeburg, die im letzten Jahr mit großem Erfolg in der Remise von Schloss Bückeburg Janne Tellers „NICHTS“ einem ziemlich sprachlosen Publikum vorgeführt hatte, möchte nun am gleichen Ort diesen modernen Klassiker auf die Bühne bringen.

 

Die Zwiegespräche von Estragon und Wladimir  haben es wahrlich in sich: Wie auf einer atemberaubenden Achterbahnfahrt taumeln die beiden in ihren wortreichen Sprachgirlanden an einander vorbei, obwohl sie doch mit einander zu reden glauben. Ihre Einsamkeit genauso wie ihre Sehnsucht nach Verstanden-Werden-Wollen versinken immer wieder in Beliebigkeit und einer Art, dem anderen einfach nicht zuzuhören, dass fast nur so etwas wie ein verhuschtes Geplapper übrig bleibt. Dennoch wollen die beiden aber nicht aufgeben, versuchen es immer wieder aufs Neue, doch die Nähe, nach der sie sich sehnen, will sich einfach nicht einstellen. Umso inständiger Bestehen sie auf ihrem Warten auf Godot. Der muss einfach kommen, hat er ja auch gesagt. Aber wann kommt er ?

Bei den Proben fällt es bestimmt nicht schwer, aktuelles Lebensgefühl auf Schritt und Tritt mit einbringen zu können – sieht es doch oft so aus, als wenn zwei Menschen, wenn sie bei einander stehen, zwar fleißig Text machen, aber gleichzeitig irgendwie abwesend zu sein scheinen, weil ein kleines elektronisches Kästchen, das mit der Hand fast eine Einheit zu bilden vorgibt, ebenfalls mit sich reden lassen möchte...Und die Augen? Was sagen die? Warum verstehst du mich nicht, warum hörst du mir nicht zu? Was hast du gerade gesagt? Wer? Versteh ich nicht. Ist ja auch egal. Oder? Nein, ist es nicht, aber ich hab jetzt sowieso keine Zeit, da kommt gerade eine ganz wichtige Nachricht, die muss ich unbedingt lesen...

 

Und dann sind da ja auch noch zwei ganz andere Spieler im Stück, die aber auch irgendwie aus der Welt gefallen sein müssen: Pozzo und Lucky. Ein bizarres Paar, das da plötzlich in das Warten von Estragon und Wladimir hinein platzt. Ein selbstgefälliger Großkotz und ein unterwürfiges Anhängsel, das wie auf Knopfdruck atemberaubende Wortkaskaden lostreten kann. Dieses Theater der beiden hilft zumindest für eine Weile das Warten auf Godot zu vergessen. Als wäre es ein abwechslungsreiches Sonderprogramm, speziell für Wartende inszeniert. Aber eben nur für eine Weile. Dann läuft wieder das bekannte, traurige Programm des Wartens.

 

Die Remise scheint wie gemacht für dieses komisch-traurige Stück, finden die Schauspieler von JUST – dort werden die Worte, die Fragen und das Warten von Estragon und Wladimir wie unerbittliche Fledermäuse durch die weite Halle fliegen – wie ein Spuk, der aber nichts weiter ist als eine verfremdete Sprechblasenhalde unserer eigenen schnelllebigen Welt.

 

Auf wen warten W I R  eigentlich? Das fragen sich nicht nur die Schauspieler bei den Proben, sondern sicher auch die Zuschauer, wenn sie die Remise wieder verlassen. Denn die Antworten, die Samuel Beckett mit seinem absurden Theater anbietet, sollte man wirklich nicht akzeptieren wollen.

 

Also schon einmal vormerken – Freitag, 29. September 2017  um 20 Uhr in der Remise von Schloss Bückeburg die Premiere oder am Sonntag, dem 1. Oktober 2017 ebenfalls um 20 Uhr die zweite Aufführung